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Was ist "Industriekultur"?
In Deutschland hat sich der international eingeführte Begriff "Industriearchäologie" oder "industrial archaeology" nicht durchgesetzt. Er ist in England entstanden wo in den 50er Jahren bereits begonnen wurde, den Zeugen der frühen Industrialisierung mit den Methoden der Archäologie nachzuspüren. Im deutschen Sprachraum vermittelt der Begriff "Industriekultur" mehr: Dieser Begriff steht für die Beschäftigung mit der Kulturgeschichte des industriellen Zeitalters: Die Geschichte der Technik, die Sozialgeschichte der Arbeit, die Architekturgeschichte der Fabriken, die Entwicklung des geographischen Raumes den wir Industrierevier oder Industriestadt nennen - all dies sind Fascetten der Industriekultur. Ein Schwerpunkt ist die museale Erinnerung in den neuen "Industriemuseen" und der denkmalpflegerische Erhalt wichtiger Industriebauten: So wie die Kathedralen der Gotik Menschen und Stadt Lebensraum und Identität vermittelten, so gaben Zechen und Hütten dies dem Industrierevier. Heute stehen alte Industriegebiete in allen Industrienationen auf der Schwelle des Wandels. An solchen Wendemarken sind wir Menschen stets geneigt, einzuhalten und mit Abschiedsschmerz einen verklärenden Blick zurückzuwerfen auf die "Guten alten Zeiten". Stark gewachsen ist aber die Einsicht, daß man die Kenntnisse über die Vergangenheit in die Planungen des Strukturwandels einbinden sollte, denn sie bieten wertvolle Ressourcen für eine neue Zukunft, ja, sie sind für diese vielleicht sogar unverzichtbar. Die zunehmende Akzeptanz für das Industriedenkmal als Bestandteil des kulturellen Erbes führte zum Schutz wertvoller Industriebauten. Nicht nur einzelne Fördergerüste oder Hallen werden jetzt als denkmalwert betrachtet, sondern auch komplette Großanlagen aus dem 20. Jahrhundert. Es wurde der Erhalt exemplarisch wichtiger Anlagen erreicht wie zum Beispiel seit 1986 der "Völklinger Hütte" im Saarland und der Schachtanlage "Zollverein XII" in Essen oder seit 1987 der "Meidericher Eisenhütte" in Duisburg. Nicht nur Orte der Erinnerungen sind die häufig nutzlos gewordenen Hüllen einer kurzen und stürmischen Vergangenheit von 200 Jahren Geschichte der Industrialisierung. Fabrikhallen und Verwaltungsgebäude überzeugen oft mit einer anspruchsvollen Architektur. Gelegentlich dient sie weiter den alten Zwecken. In ihr kann man aber auch anderes produzieren: museale Erinnerungen, Kreativität, Kunst und Kultur. Neue Nutzungen auch mit ökonomischer Zukunft. Und die Umnutzung als neue Produktionsstätte ist gefragt und das Erbe des Industriezeitalters wird zunehmend auch als identitätsbildender Standortfaktor begriffen - so wie dies auch für andere historische Epochen und deren Stadtquartiere gilt. Hier kommt auch ein neuer Begriff ins Spiel: der "Industrietourismus". Regionen mit industriekulturellen Potentialen wie Mittelschweden, Oberösterreich, Mittelengland, die Schweiz und vor allem die USA haben damit bereits langjährige Erfahrungen. Das industriekulturelle Erbe ist Bestandteil zukunftsorientierter regionaler Strukturkonzepte. Ein Beispiel: der "Lowell National Park" in Mass./USA umfaßt eine ganze Mittelstadt von 70.000 Einwohnern, und hat per Gesetz den Status eines National-Parkes, ganz wie der "Grand Canyon". Aufbereitet und erschlossen wird diese ehemalige Textilstadt von den "Park Rangers". Die faszinierenden Zeugen der Textilindustrie - zum Teil riesige Gebäude, Verkehrswege und Siedlungen - sind als Museen erklärt oder prägen als umgenutzte Architektur nach wie vor das Stadtbild. Noch mehr: Lowell gehört zu einem der "National Heritage Corridors", der alle Bestandteile einer großflächigen industriellen Kulturlandschaft umfaßt, erklärt und zugänglich macht. Die ökonomischen Erfahrungen sind durchaus positiv: Als Lowell Mitte der 70er Jahre durch den Niedergang der Textilindustrie am Boden lag, entschied man sich - nach engagiertem Einsatz vor allem der Bürger selber - für diese Lösung, und heute schreibt die Stadt schwarze Zahlen. Tourismus, saubere Industrie und Gewerbe in alten Gebäuden haben die Stadt gerettet. Ein anderes, deutsches Beispiel: Im Saarland gibt es bereits seit 10 Jahren erste Ansätze einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit entsprechenden Publikationen zu Industriekultur-Routen im Saar-Lor-Lux-Raum. Hier wird das UNESCO-Weltkulturerbe-Denkmal, die "Völklinger Hütte", Kern eines touristischen Netzwerks, das mit der "Stiftung Industriekultur im Saarland" gerade einen organisatorischen Rahmen erhält. Auch im Ruhrgebiet macht man sich auf, mit der "Route der Industriekultur" das umfangreiche historische Erbe des Industriezeitalters touristisch zu erschließen. Entnommen aus : copyright: Deutsche Gesellschaft für Industriekultur e.V. in Zusammenarbeit mit dem Geographischen Institut der Universität zu Köln, 1996 siehe Link Industriekultur oder www.industriekultur.de |